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Einleitung

Nach Dienstschluss vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Als ich es rausholte freute ich mich, eine Nachricht meines Kindheits- und Schulfreundes Eric Jakobi zu lesen, den ich morgen Treffen wollte. „Hey Eric hier. Ich habe für unser morgiges Treffen einen Tisch im Restaurant zur Goldenen Forelle reserviert. Ich freue mich, dass wir uns nach all den Jahren endlich mal wieder sehen. Aktuell bin noch auf dem Pride-Festival, um einen Bericht für die Arbeit zu schreiben, den ich morgen abgeben werde. Leider ist mir meine Kamera beim Zusammenstoß mit einem jungen Mann kaputt gegangen, der sich vielfach entschuldigt hat und mich auf ein Bier eingeladen hat. Das ist echt scheiße aber Gott sei Dank bin ich versichert. Wir sehen uns morgen, dann erzähle ich mehr“.   

Und auch ich freute mich Eric nach Jahren wieder zu sehen. Als Kinder waren wir unzertrennlich und haben in der Schule und privat sehr viel gemeinsam gemacht. Im Jugendalter hat er festgestellt, dass er schwul ist, was für ihn anfangs sehr belastend war und er hat lange versucht es geheim zu halten. Mit seinem Coming-Out hat er zuerst gezögert, da seine Familie zwar nicht explizit homophob ist aber doch eine sehr konservative Orientierung hat. Ich glaube es war ihm sehr wichtig, Freunde wie mich zu haben, die ihn so akzeptieren wie er ist und denen er sich anvertrauen konnte. Wir waren wie gesagt sehr eng miteinander verbunden.  

Bedauerlicherweise trennten sich dann unsere Wege nach dem Abitur und wir haben uns mehr als zehn Jahre nicht mehr gesehen. Er studierte Journalismus, ich Betriebswirtschaftslehre. Der Kontakt ist dann irgendwann abgebrochen. Als ich vor einem Monat einen Anruf von einer fremden Nummer erhalten hatte, freute ich mich sehr, dass Eric wieder Kontakt mit mir aufnehmen wollte. Wir haben uns zwei oder drei Mal online getroffen und miteinander gesprochen. Als Journalist und Fotograf für die Zeitung „Das Foto“ arbeitet er oft spät bis in die Nacht hinein. Es freute mich zu sehen, dass er immer noch genauso ehrgeizig wie früher zu sein scheint. Interessant war jedoch, dass er sich mehrfach über seine Vorgesetzten aufgeregt hat.  

Ich freute mich auf jeden Fall ihn wieder zu sehen. Montag fahre ich von zuhause los, um ihn wieder zu treffen.  

Gegen 15 Uhr war ich zuhause und bereit loszufahren. Mit einer Strecke von 300 Kilometern hatte ich ein ganzes Stück vor mir. Was ist Eric auch so weit wegezogen, fragte ich mich. Glücklicherweise kam ich gut durch und konnte gegen 18 Uhr, wie verabredet vor dem Restaurant parken. Da ich ihn nicht draußen sehen konnte, entschied ich mich bereits in das Restaurant zu gehen. Es war ein modernes Restaurant mit nordischem Ambiente. An der Wand hingen Fischernetze und verschiedene Skulpturen formten den Gesamtanblick des Restaurants. „Hier ist es schön, nur wo ist Eric?“ dachte ich mir. „Guten Abend – kann ich Ihnen helfen?“ fragte mich eine adrett gekleidete Kellnerin. „Mein Freund – Eric Jakobi hat einen Tisch für heute reserviert. Er scheint offensichtlich noch nicht da zu sein.“ erklärte ich ihr mit einem Lächeln. „Herr Jakobi hat unseren besten Tisch am Aquarium reserviert. Er ist einer unserer treuesten Kunden und wird vermutlich bald kommen. Ich bringe Sie zu dem Tisch und Sie können gerne schon unsere Karte studieren“ erklärte sie mir.

Am Tisch angekommen bedankte ich mich bei der Kellnerin und widmete ich mich wieder meinen Gedanken. Nun zückte ich mein Handy und schrieb Eric, dass ich bereits am Tisch auf ihn warte. „Was kann ich Ihnen denn zu Trinken anbieten?“ fragte mich die Kellnerin, die aus zu dem Nichts zu kommen schien und nun neben mir stand.  „Ein alkoholfreies Radler bitte“ verkündete ich geistesabwesend. „Kennen Sie Eric gut?“ fragte ich die Kellnerin. „Eric ist einer unserer treusten Kunden und ich unterhalte mich gerne mit ihm über die Arbeit. Er ist ein Herzblutjournalist und tritt für wichtige Themen ein. Leider wird ihm das Leben zu oft schwer gemacht, aber das kann er dir ja selbst erzählen. Wenn Sie noch etwas möchten, können Sie gerne Bescheid geben“ erzählte sie und ging wieder in Richtung Tresen.

Inzwischen war es 18:20 und Eric war immer noch nicht da. Verwundert schaute ich in WhatsApp und sah, dass er die Nachricht noch nicht empfangen hatte. „Komisch“ dachte ich mir. „Kann es sein, dass er es vergessen hat?“ Ich beschloss ihn anzurufen und ließ das Handy eine Minute lang klingeln. Bedauerlicherweise nahm er nicht ab. Verdutzt blickte ich auf die Uhr und fing an zu überlegen. Inzwischen war es 18:30. „Kellnerin“ rief ich. „Ist es normal, dass Eric so spät kommt?“ „Eric ist ein sehr beschäftigter Mann. Es kann gut sein, dass sein Termin länger gegangen ist. Normalerweise gibt er jedoch Bescheid. Vielleicht ist sein Handy leer. Warte doch einfach noch ein paar Minuten. Ich bin übrigen Thalia.“ erklärte sie. Doch auch um 18:40, 18:50 oder 19:00 Uhr kam er nicht.

Enttäuscht fragte ich Thalia nach der Rechnung und ging zu meinem Auto, um in das Hotel in der Umgebung zu fahren. Ich wollte nämlich noch ein paar Tage bleiben, um mir die Gegend anzuschauen. Ein letztes Mal rief ich Eric an doch er ging wieder nicht dran. Vielleicht ist er ja Zuhause kam mir den Kopf. Zum Glück hat mir Eric seine neue Adresse mitgeteilt, sodass ich es einfach in das Navi eingeben konnte. Auf dem Weg zum Haus fuhr ich an einer großen Festival Location vorbei. „Aha, das muss dieses Festival sein, von dem er erzählt hatte“ sagte ich leise vor mich hin und grübelte weiter. Gerade als ich den Blinker zum Rechtsabbiegen in die Neubausiedlung von Eric setze und abbiegen wollte, nahm mir ein Mann in meinem Alter die Vorfahrt. Hätte ich nicht faktisch eine Vollbremsung gemacht, wäre ich in ihn reingefahren. Hupend empörte ich mich über dieses Fehlverhalten, doch er schien es gar nicht zu bemerken. Nachdem der erste Schock überwunden war und ich mich wieder etwas beruhigt hatte, konnte ich weiterfahren, um beim Eric Zuhause vorbeizuschauen. Den Fahrer im Wagen, der vor einem Mehrfamilienhaus hielt und Ausstieg würdigte ich jedoch mit keinem Blicken.

Als ich vor Erics Haus stand, klingelte ich mehrfach. Leider öffnete niemand. Auch brannte kein Licht, sodass ich annehme musste, dass er nicht Zuhause war. Auch sein Auto war nicht da. „Vielleicht nimmt er ja wirklich noch ein Geschäftstermin wahr und konnte mich nicht anrufen, weil sein Handy leer ist“ versuchte ich mir das Ganze zu erklären. „Ein letzter Versuch wäre es bei seiner Redaktion anzurufen“, dachte ich mir. Die Kontaktdaten der Redaktion waren schnell gefunden. Eine freundliche Stimme meldete sich. „Hallo, hier ist Marie Fink von „Das Foto“. Was kann ich für Sie tun?“ „Guten Abend. Ich war mit Eric Jakobi verabredet. Er ist jedoch noch nicht gekommen. Ist er noch in einem Geschäftsmeeting?“ fragte ich Marie. „Eric ist aktuell nicht in einem Geschäftsmeeting. Er ist heute überhaupt nicht zur Arbeit erschienen, was mich selbst sehr verwundert. Wir rätseln auch gerade in der Redaktion.“ erklärte Marie Fink. „Vielen Dank Marie!“ sagte ich noch bevor ich auflegte.

Jetzt stellte sich mir nur noch eine Frage. Wo zum Teufel ist Eric?

 

Aufgabe A1 

Ich ließ den Tag noch einmal Revue passieren und kam zu einer beunruhigenden Schlussfolgerung. Ich begann die verschiedenen Zeichen des Tages noch einmal genauer zu betrachten und zu deuten.